Vor einigen Monaten sitzt mir ein Mann Mitte 50 gegenüber. Verantwortlich für eine ganze Sparte in einem internationalen Konzern. Ein Budget im hohen zweistelligen Millionenbereich. Über 500 Arbeitsplätze hängen an seinen Entscheidungen.
Er erzählt – sachlich, korrekt, distanziert. Als würde er über jemanden sprechen, den er kaum kennt. Keine Regung. Keine Lebendigkeit. Nur Funktion.
Er sagt: „Ich spüre mich nicht mehr.“
Früher habe er sich noch beim Downhill-Mountainbiken oder Extremklettern gespürt. Doch nach einem Unfall ginge das nicht mehr. Und jetzt: nichts. Auch die Beziehung zu seiner Partnerin berühre ihn nicht mehr.
Sein Arzt wolle ihn „aus dem Verkehr ziehen“, in eine Klinik einweisen. Für ihn undenkbar – wegen der Verantwortung, aber auch, weil er es emotional nicht aushalten würde.
Also suchen wir einen anderen Weg. Einen Weg der kleinen Schritte – nicht spektakulär, aber konsequent:
• 15 Minuten Stille am Morgen – mit Fragen zur Selbstwahrnehmung
• Ein klar definierter Feierabend
• Frische Luft
• Atemübungen
• Genusstraining
• Regelmäßige Reflexion alle 14 Tage
Es ist ein längerer Weg. Aber er wird lebendiger. Er fragt wieder nach dem Sinn. Er nimmt sich selbst wieder wahr – als Mensch, nicht nur als Funktionsträger.
Ich kenne solche Phasen aus meinem eigenen Leben. Zeiten, in denen ich nur funktioniert, aber nichts empfunden habe. Und ich erinnere mich an Schlüsselmomente, die mich zurückgeholt haben. Heute beginne ich jeden Tag mit einem 45-minütigen Spaziergang – ein Ritual, das mich erdet und mich an das Wesentliche erinnert.
Vielleicht ist es genau das, was viele von uns brauchen: kleine, konsequente Schritte zurück zu uns selbst.
Was hilft dir, wieder bei dir anzukommen – jenseits von Funktion, Tempo und Verantwortung? Teile gern deine Erfahrungen oder Gedanken. Vielleicht wird dein Impuls für jemand anderen zum Wendepunkt.
5. Februar 2026
Wenn ein Mensch funktioniert, aber nicht mehr lebt
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